SDG8 – Menschenwürdige Arbeit und Wirtschaftswachstum

Dauerhaftes, breitenwirksames und nachhaltiges Wirtschaftswachstum, produktive Vollbeschäftigung und menschenwürdige Arbeit für alle fördern.

Das globale Wirtschaftswachstum verlangsamt sich im Vergleich zu vor der Corona-Pandemie. Von 2010 bis 2018 lag das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) pro Kopf bei 2,0%, doch im Jahr 2019 lag das Wachstum des BIP pro Kopf nur noch bei 1,5% weltweit. Ein ausschlaggebender Grund dafür, war die Corona-Pandemie, wodurch die Welt vor der schlimmsten Rezession seit der Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahren steht.

Einen Großteil des Lebens verbringen Menschen mit Arbeit, um damit Geld für ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Dadurch hat die jeweilige Arbeitstätigkeit einen großen Einfluss auf den Alltag der Menschen, da sie sowohl die Freizeit als auch den finanziellen Handlungsspielraum der Person mit definiert. Allgemein betrachtet, wurde noch nie zuvor so viel Güter, wie Kleidung, Lebensmittel oder technische Geräte auf der Welt produziert und konsumiert, wie zurzeit, was erheblichen Einfluss auf die Wirtschaft und deren Wachstum hat. Doch ein stetig steigendes Wirtschaftswachstum bedeutet nicht gleich, dass es mehr Wohlstand oder menschenwürdige Arbeit auf der Welt gibt. Wirtschaftliches Wachstum spielt eine wichtige Rolle im Kampf gegen Armut, jedoch sind über 700 Millionen Menschen weltweit betroffen, obwohl sie arbeiten gehen. Das liegt an verschiedensten Gründen, wie zum Beispiel der Zwangsarbeit. Darunter zu verstehen ist, die Form der Arbeit der oft schwere körperliche Arbeit, die unter meist menschenunwürdigen Bedingungen durchgeführt wird. Oftmals steht diese Arbeit in Verbindung mit einer Freiheitsstrafe und wird meist von verfolgten Personen oder Kriegsgefangenen verrichtet.

Um die 40 Millionen Menschen weltweit befinden sich in Zwangsarbeit, meist in der Landwirtschaft, Textilindustrie oder Rohstoffgewinnung. Daraus lässt sich ableiten, dass indirekt weltweit etwa 60 „Sklaven“ für nur jeden Deutschen arbeiten. Häufig wissen Konsumenten nicht, dass Produkte, die gekauft werden, durch Zwangsarbeit hergestellt wurde. Der Grund dafür sind undurchsichtige globale Produktionsketten, in denen Kinder, Jugendliche und Erwachsene meist unter extrem gefährlichen und ausbeuterischen Bedingungen arbeiten müssen. Da die Bezahlung dieser Arbeit sehr gering ist und die Menschen dadurch weiterhin in Armut leben, sehen sich viele Eltern dazu gezwungen, ihre Kinder auch zur Arbeit, anstatt zur Schule zu schicken. Laut UNICEF sind weltweit etwa 150 Millionen Kinder zwischen 5 und 14 Jahren bereits berufstätig und führen meist Tätigkeiten aus, die ihrer körperlichen und geistigen Entwicklung, als auch der Umwelt erheblichen Schaden zufügen. Ein Großteil dieser Kinder lebt in Afrika und Asien.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Schattenwirtschaft, die einen großen Einfluss auf menschenwürdige Arbeit hat. Darunter ist die meist illegale Arbeit ohne Besteuerung und Regulierung zu verstehen, wie zum Beispiel Schwarzarbeit oder kriminelle Tätigkeiten. Die Schattenwirtschaft wirkt sich negativ auf das Einkommen und auch auf den Sozial-, Arbeits- und Gesundheitsschutz der Arbeiter aus. Zudem sind allgemeine Arbeitsbedingungen auf einem niedrigen Standard und Betroffene haben durch das unentdeckte Arbeiten kaum Möglichkeiten, diese zu ändern. Weltweit sorgt die Schattenwirtschaft durch die Ausnutzung der Arbeitenden für die Verbreitung und den Erhalt von Armut. Für die Länder, die das SDG8 verfolgen, bringt die Schattenwirtschaft viele Herausforderungen mit sich, denen sich die Länder stellen müssen. Die hohen Ausfälle Steuer- und Sozialversicherungsabgaben durch die Schattenwirtschaft bringt nicht nur die Länder, sondern auch die Bevölkerung in ein Ungleichgewicht. Außerdem werden amtliche Statistiken wie zum Beispiel der Arbeitslosenquote verfälscht. Da sich die Wirtschaftspolitik an diesen orientiert, kann es unter Umständen zu Fehlleitungen oder Überschätzungen kommen. Eine der schwersten Auswirkungen der Schattenwirtschaft bezieht sich auf das Gemeinwohl. Denn die Menschen scheinen umso bereiter zu sein, selbst schwarz zu arbeiten, je mehr Menschen in ihrem persönlichen Kreis als Schwarzarbeiter: innen bekannt sind. Dadurch wird der Person das Gefühl vermittelt, dass es unfair sei, wenn das korrekt angegebene Einkommen und die damit verbundene Arbeitsleistung hoch versteuert wird, während sich andere von ihren Verpflichtungen entziehen. Das würde die vorhererwähnten Auswirkungen um ein vielfaches Verstärken und die Wirtschaft stören.

Zu den reichsten Industrieländern weltweit gehört auch Deutschland. Das liegt vor allem an dem bisher stetig steigenden Wirtschaftswachstum und dem damit verbunden Wohlstand. Doch dadurch ist auch das Konsumverhältnis der Deutschen und der damit verbundene Ressourcenverbrauch verhältnismäßig hoch. Hätte die komplette Weltbevölkerung das Konsumverhalten der Deutschen wären gleiche mehrere Erden notwendig, um den Ressourcenbedarf abzudecken. Deshalb ist es Zeit, auf ein nachhaltigeres Wirtschaften und Konsumieren umzustellen, welches Ressourcen schont und sich auch positiv auf die Arbeitsbedingungen ausübt.

Obwohl Deutschland weltweit zu den Ländern mit dem höchsten Bruttoinlandsprodukt gehört, sind auch hier schlechte Arbeitsbedingungen vorhanden. Die meisten Arbeiter: innen der Leih- oder Zeitarbeit leiden unter zu niedrigen Löhnen oder kritischen Arbeitsverhältnissen. Auch die Landwirtschaft und Baubranche beuten Arbeitsmigranten und Saisonarbeiter stark aus. Ebenso ist der Versandhandel und deren Zustellung von Paketen von niedrigen Preisen und daraus resultierend von niedrigen Löhnen für schwerste Arbeit geprägt. Um die 170.000 dieser Arbeiter: innen werden heutzutage auch als moderne „Sklaven“ genannt, da sie körperlich anstrengende Tätigkeiten für wenig Lohn ausüben

Der deutsche Arbeitsmarkt sieht von außen betrachtet sehr gut aus und hat nur wenige Arbeitslose aufzuzeigen. Die Erwerbstätigenquote lag 2019 bereits bei 80,6%, wobei das Ziel von 78% für 2030 bereits vorher erreicht wurde. Jedoch bedeutet das nicht, dass für jeden Menschen der Zugang zur Arbeit gleichermaßen ermöglicht wird. Besonders für Menschen mit Behinderungen ist der Zugang zum Arbeitsmarkt mit vielen Schwierigkeiten verbunden. Ebenso wird die meist von Frauen durchführt Arbeit im Haushalt oder die Pflege von Familienangehörigen nicht monetär vergütet, wodurch die Betroffenen meist als Arbeitslose trotz vollzeitiger Beschäftigung gelten. Doch auch die Auswirkungen des demographischen Wandels üben sich stark auf den deutschen Arbeitsmarkt aus, so haben viele Unternehmen mit einem Fachkräftemangel zu kämpfen. Das liegt vor allem daran, dass viele Fachkräften in den kommenden Jahren das Renteneintrittsalter erreichen, darauf zu wenige arbeitende Menschen folgen, bzw. die Arbeit der scheidenden Fachkräfte nicht unter den gleichen Voraussetzungen ausführen wollen. Daraus resultiert, dass es eine Unterfinanzierung des Sozialsicherungssystem gibt, da es weniger eingehende Beiträge erhält und dafür mehr Menschen unterstützten muss.

Das Gastgewerbe steht aktuell vor unvergleichlichen Herausforderungen durch die Corona-Pandemie. Zuvor war der Tourismus bereits vom Fachkräftemangel geprägt, doch nach den großen Einbrüchen in der Wirtschaft und vor allem durch die Reisebeschränkungen der Regierungen, musste das Gastgewerbe am meisten leiden. Viele Unternehmen mussten 2020 schließen, da sie sich ohne Umsatz ihre Geschäftstätigkeit nicht mehr fortführen konnten. Im Folgejahr 2021 hat sich die deutsche Wirtschaft trotz der andauernden Pandemie und den stetigen Lieferengpässen etwas erholt. Und auch die Dienstleistungsbranche konnte sich größtenteils wieder regenerieren. Im Querschnitt hat sich der Wirtschaftsbereich Handel, Verkehr und Gastgewerbe um ein Plus von rund 3,0% gestärkt. Zu berücksichtigten ist jedoch, dass das Vorkrisenniveau noch lange nicht wieder erreicht ist und das voraussichtlich noch ein paar Jahre dauern wird.

In der aktuellen Zeit hat das Gastgewerbe umso mehr mit dem Fachkräftemangel zu kämpfen als je zuvor. Einige Mitarbeiter: innen haben sich aufgrund der Schließungen umorientiert, sich neu geschult oder die Branche ganz verlassen. Zum Zeitpunkt der zwischenzeitlichen Wiedereröffnung des Gastgewerbes standen Unternehmen mit nur noch wenig Fachpersonal da. So waren einige Unternehmen gezwungen, ungeschultes Personal einzustellen, wodurch auch die Qualität gelitten hat. Die Thematik des Fachkräftemangels steht zurzeit in der ganzen Branche im Fokus und es werden nach ganzheitlichen Lösungsansätze gesucht. Dazu ist auch der Hintergrund des Fachkräftemangels zu verstehen. Denn die Branche ist vor allem durch die großen Schattenzahlen geprägt. Darunter zu verstehen ist eine große Anzahl an nicht angemeldeten Arbeiter: innen, die unter schweren Arbeitsbedingungen agieren. So ist das Gastgewerbe von Schichtarbeit, schwerer körperlichen Arbeit und azyklische Arbeitszeiten, wenn andere Urlaub machen, geprägt. Häufig kämpfen Mitarbeiter: innen im Gastgewerbe mit Diskriminierung, Belästigungen und Gewalt am Arbeitsplatz, welche sowohl von Gästen, aber auch Kolleg: innen ausgeht. Mitarbeiter: innen, die nicht angemeldet sind, werden für ihre geleistete Arbeit meist unterbezahlt und zusätzlich oft schlecht behandelt. Weniger Urlaubstage und der fehlende Arbeitsschutz für die Ruhezeiten zwischen den Schichten werden hingenommen, da sie ohne offizielle Anstellung keinen Anspruch darauf haben, bzw. diesen Anspruch nur schwer einfordern können. Die Produktionsketten im Gastgewerbe sind meist sehr lang und intransparent, da die Produkte aus verschiedensten Ländern importiert und dabei nicht immer menschenwürdig produziert werden.

Um der Darstellung des aktuellen Gastgewerbes entgegenzuwirken und menschenwürdige Arbeit weltweit zu kultivieren, muss jetzt gehandelt werden. Das Ziel eines jeden Unternehmens und Landes sollte es sein, eine produktive Vollbeschäftigung zu erlangen, sowie gleiches Entgelt für gleichwertige Arbeit zu etablieren. Denn die Ungleichheit der Gehaltsverteilung ist auch im Gastgewerbe zwischen Frauen und Männern enorm groß. Im Gastgewerbe sollte es in erster Linie darum gehen, dass sich Menschen rundum wohlfühlen. Dazu gehören die Gäste, aber vor allem auch die Mitarbeiter: innen. Und um dies zu schaffen, gehört eine Work-Life-Balance dazu. Denn neben dem Leistungsdenken und der Produktivität eines jeden Unternehmens, sollte auch immer genug Zeit für Erholung und Unterhaltung der Mitarbeiter: innen geschaffen werden.

Grundsätzlich sind Staaten für die Gesetzgebung und die Rechtsdurchsetzung im Bereich Menschen- und Arbeitsrechte verantwortlich. Doch manchmal müssen Tourismusunternehmen selbst aktiv werden und den eigene Mitarbeiter: innen eine gewissenhafte Grundlage schaffen. Für die Umsetzung dieser Grundlagen weisen die „UNO-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte“ die Schutzpflicht zu.

Laut des Wirtschafts- und Sozialrats der Vereinten Nationen wird menschenwürdige Arbeit wie folgt definiert: „Eine Beschäftigung, die die Grundrechte der menschlichen Person, namentlich die körperliche und geistige Unversehrtheit des Arbeitnehmers sowie seine Rechte in Bezug auf die Bedingungen der Arbeitssicherheit und Lohns achtet“. Dieser Thematik hat sich die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) im Jahr 2017 angenommen und Leitlinien für menschenwürdige Arbeit und sozial verantwortlichen Tourismus erstellt. Diese wurden in vier Kernprinzipien der Vereinigungsfreiheit, Abschaffung der Zwangsarbeit, Beseitigung der Kinderarbeit und Gleichheit festgelegt. Über die Jahre hinweg wurden spezifische Kernarbeitsnormen entwickelt, die Sozialstandards, menschenwürdige Arbeitsbedingungen und einen hinreichenden Schutz weltweit gewährleisten sollen.

ILO KernprinzipILO Kernarbeitsnormen
Vereinigungsfreiheit

No.87 Vereinigungsfreiheit und Schutz der Vereinigungsrechte (1948)

 

No.98 Vereinigungsrecht und Recht zu Kollektivverhandlungen (1949)

 

Abschaffung der Zwangsarbeit

No.29 Zwangs- und Pflichtarbeit (1930)

 

No.105 Abschaffung der Zwangsarbeit (1957)

 

Beseitigung der Kinderarbeit

No.138 Mindestalter für die Zulassung zur Beschäftigung (1973)

 

No.182 Schlimmste Formen der Kinderarbeit (1999)

 

Gleichheit

No.100 Gleichheit des Entgelts (1951)

 

No.111 Diskriminierung in Beschäftigung und Beruf (1958)

 

Das Gastgewerbe ist heute noch der Motor zur Schaffung von Arbeitsplätzen und fördert die lokalen Wirtschaftsentwicklungen, Kulturen und der lokalen Produkte. Die Stärke und Einflussnahme des Gastgewerbes auf die allgemeine Wirtschaft wurde von der G20 erkannt und auch in der Agenda2030 berücksichtigt. Daraufhin setzte 2010 der G20-Tourismusminister an, dass die G20-Staaten Initiativen zu unterstützen haben und den Fokus auf hochwertige Arbeitsplätze im Tourismus fördern. Denn der Tourismus kann laut UN-Umweltprogramm (UNEP) den Übergang zu einer grünen Wirtschaft anführen.

Vor diesem Hintergrund sollen die ILO Leitlinien die eigenen Mitglieder und auch andere Akteure unterstützen, menschenwürdige Arbeit zu fördern. Sowie auch vollständige und produktive Beschäftigungen im Tourismus zu festigen und die Nachhaltigkeit voranzutreiben. Das Ziel der ILO ist es, dass SDG8 zu verwirklichen und aktiv dazu beizutragen. Gleichwohl sollen die Leitlinien alle unterstützen, die auf internationaler, regionaler, lokaler und unternehmerischen Ebene voll und produktive Beschäftigung und menschenwürdige Arbeit im Tourismus durchsetzen. Mit inbegriffen sind dabei auch Regierungen, politische Entscheidungsträger, Arbeitgeber- und Arbeitnehmerverbände, zwischenstaatliche Organisationen und Nichtregierungsorganisationen.

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